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BLICK INS WEINGLAS Poesie und Prosa über den Wein

– Eine Buchbesprechung von Richard Pestemer –

Es gibt viele dickleibige Abhandlungen über den Wein, seine Geschichte, seinen Anbau weltweit, wie und zu welcher Gelegenheit er am besten mundet. Das alles gibt es in Hülle und Fülle.

Mit dem vorliegenden reich bebilderten Büchlein Blick ins Weinglas, herausgegeben von
Ernst Dautel, Helmut Kratochvil, Anneliese Penn und Dieter Rasch, wollen „Zwölf Weinapostel“ inmitten der Corona-Pandemie mit feucht-fröhlicher Satire etwas Längst-Überfällig-Positives (S. 2) allen Freunden des Weines kredenzen. Ach, was schreib ich von einem Büchlein, nein,  es ist eher ein Katechismus, Gebetbuch, ein breitgefächertes Glaubensbekenntnis zum Kult des Weines.

Blick-ins-Weinglas Buchcover

Die Ursprünge des Weinkultes

Getreu dem Spruch des ehrwürdigen Abtes Cäsarius des ehemaligen Klosters Heisterbach (1180–1240), der da lautet:
Wer den Wein ohne Andacht trinkt, der säuft:
wer ihn mit Andacht trinkt, der betet
(S. 124)

In diesem Sinne möge der geneigte Weinliebhaber, versunken in weinseliger Andacht, die
Lektüre dieses Glaubensbekenntnisses genießerisch zelebrieren: als Weinmesse, in der uns
„Zwölf Weinapostel“ weihevoll in das Mysterium des Weinkultes der antiken Weingötter
Fufluns (Etruskien), Dionysos (Griechenland) und schließlich Bacchus (Rom) einführen. Denn:

Wer Wein trank, kam bald in Ekstasen,
schwang mit den Händen volle Vasen,
die seine Backentaschen füllten
und jeden Durst im Rausche stillten
(S. 5)

Die Sitte des ekstatischen Weintrunks, so erfahren wir in Versform, hatte sich vor etwa 8000 Jahren, kaum dass die Menschen sesshaft geworden waren, verbreitet: Mesopotamien und Georgien feierten die Menschen die ersten (Wein-)Orgien (S. 5). Des Weiteren werden in dem
Gedicht Wo stammt der Wein her Ägypten und Palästina erwähnt, in deren vergeistigter
Wein-Tradition sich schließlich Griechenland, Etruskien und Rom und sogar das barbarische
Germanien einreihten. Indes wird Georgien, dem wahren Ursprungsland des Weines, ein
langes Gedicht – hier ein kleiner Ausschnitt – gewidmet:

Der Rebenschatz vom Kaukasus
kriegt seinen ersten Impetus
im Tonkrug Kvevri, der beliebt
weil´s ihn nur Georgien gibt.
Bei 1000 Grad wird er gebrannt,
kalkweiß ist seine Außenwand.
(…)
Da ruhen Weine auf Bewährung
im Winter endet jede Gärung.
(S. 7)
(Anm.: Naturvergärung von ca. 8 Monaten)
Heute erleben wir wiederum mit dem naturvergorenen Wein – Orangewein – einen Hype unter den Hardcore-Weinfreaks. Kurzum: Der Wein ist nach 8000 Jahren wieder zu seinem georgischen Wurzeln heimgekehrt.

Der Blick ins Weinglas offenbart uns also den Ursprung des berauschenden Weinkultes und
ist somit unabdingbare Einstimmung in die „Poesie und Prosa über den Wein“ unseres
gegenwärtigen Wein-Zeitalters.

Das gegenwärtige Wein-Zeitalter in Frankreich, Deutschland und Austria

Mit zahlreichen Versen und prosaischen Abschweifungen geleiten uns die „Zwölf Weinapostel“ durch die Weinkulturen von Frankreich, Deutschland und Austria. Wir erfahren keinesfalls auch nur ansatzweise buchstaben-trocken-wissenschaftlich, sondern vielmehr stets heiter-beschwingt-ironisch alles, wirklich auch alles über Wein: die landestypischen Weinreben, wie und wo Wein angebaut wird. Und wir erfahren darüber hinaus anschaulich von den Mühen der Arbeit in den Weinbergen und insbesondere in den Steillagen und und und …

Wohltuend ist dabei, dass alle Weine — sei es der schlichte Tafelwein, der edelsüße Dessertwein, Eiswein oder gar der sündhaft teure Champagner — gleichwohl nicht hierarchischwertend miteinander auf und ab qualifiziert werden. Nein, die „Zwölf Weinaposteln“ lobpreisen alle Weine egalitär, da sie als kundige Weinliebhaber sehr wohl wissen, welche harte
Arbeit von den Winzern in den Weingärten/Weinbergen verrichtet wird. Gleich in welchem
Land, in welcher Weinregion auch immer,  wird von den Winzern somit ein unentbehrlicher Dienst für die
Kultivierung und für die seelische und leibliche Volksgesundheit geleistet. Kurzum: „Jeder Tag
ohne Wein ist ein Risiko für die Gesundheit (S. 4)“ wird ein Bostoner Wissenschaftler beweiskräftig zitiert.

Weintrinken als die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln

Nach eingehender poetischer Durchwanderung der Weinländer Frankreich, Deutschland und
Austria – verdichtet in allen Facetten – erfahren wir in den prosaischen Abschweifungen, wie
überaus erfolgreich frei nach Clausewitz „Weintrinken als die Fortsetzung der Politik mit
anderen Mitteln“ eingesetzt werden kann (S. 80). Zwei historische Beispiele werden
präsentiert.

Man blickt vom Schloss Johannisburg auf die Weinberge des Rheingaus mit der Sonne am Himmel oben.

Ausblick vom Schloss Johannisberg auf die Weinberge des Rheingaus.

So erfahren wir, wie während des Dreißigjährigen Krieges (1618 – 1648) ein trinkfester
Ratsherr aus dem katholischen Mainstädtchen Volkach seine Heimatstadt vor der Brandschatzung und Plünderei durch die schwedisch-protestantischen Belagerer bewahrte.
Besagtem Volkacher Ratsherr gelang es, den schwedischen Heerführer unter den Tisch zutrinken und anschließend dessen „Gespielin“ zu beglücken. Die Belagerer verzichteten
daraufhin wie zugesichert auf die Zerstörung von Volkach. Und noch heute erinnert der
Weinberg mit Namen „Volkacher Ratsherr“ an diese grandiose Rettungstat.

Ebenso erfahren wir, wie es dem nach dem Zweiten Weltkrieg (1939–1945) von der riesigen Sowjet-Union besetzten kleinen Österreich gelang, mittels Wein-Diplomatie friedlich seine Unabhängigkeit zurück zu erlangen. In der herzbewegenden Geschichte von Fürst Julius (S. 130–135) wird in einer Persiflage dargestellt, wie die der Gemütlichkeit und stets einem guten Tropfen Wein zugeneigten österreichischen Politiker Leopold Figl (1902–1965), Julius Raab (1891–1964) sowie Bruno Kreisky (1911 – 1990) alle Register der Austria-Weindiplomatie zogen, um in den beinharten Gesprächen mit Nikita Chruschtschow (1984 – 1971) und seinem hartgesottenen Sowjettross bei einem Abschlussgelage am „Kahlener Berg“ bei Wien diesen erfolgreich zu bezwingen.
Mit dieser wahrhaft herzbewegenden Geschichte (S. 130) endet der poetisch-prosaische Blick ins Weinglas, der hoffentlich dazu anregt noch viel eingehender als hier versucht, sich mit diesem Büchlein vertraut zu machen. Eines sei dabei zugesichert: Es genügt da nicht nur einmal ein Blick in dieses poetisch-prosaische Weinglas, nein, nein, es lohnt immer wieder – bei einem guten Tropfen Wein – ein Blick in diesen Katechismus des Wein-Kultes.

Närrische Corona-Zeiten, aber was bleibt?

Den Herausgebern dieses Büchleins ist es voll und ganz gelungen, die in Aussicht gestellte Ankündigung inmitten der überaus närrischen Coronakrise etwas längst überfälliges Positives (S. 2) zu tun. Nicht nur Weinkenner werden ihre Freude bei der Lektüre haben, auch sogenannte Wein-Novizen werden von den „Zwölf Wein-Aposteln“ mit feuchtfröhlicher Satire (S. 2) in die unendlich vielfältige Welt des Weines eingeführt.
Ja, und wenn wir es dann abschließend wagen von wegen in vino veritas (Im Weine liegt [verborgen?] die Wahrheit.), ganz, ganz tief noch einen Blick ins Weinglas zu wagen, ja, dann erkennen wir, was der ungarische Wein-Philosoph Bela Hamvas in seiner Abhandlung Philosophie des Weins unübertrefflich essentiell derart „ver-dichtete“:
Zwei bleiben schließlich übrig,
Gott und der Wein

Närrische Corona-Zeiten, aber was bleibt?

Die „Zwölf Wein-Apostel“, die an diesem Büchlein weinkundlich-poetische-prosaisch mitwirkten, seien hier namentlich aufgelistet:
Ernst Dautel, Even Everts, Helmut Kratochvil, Dieter Lietz, Alexander Mühlen, Klaus Pawlowski, Anneliese Penn, Dieter Rasch, Winfried Rathke, Rena Sutor, Dieter Schöfnagel und Willibald Zach.
Autor: Richard Pestemer
Liebt Poesie und Philosphie. Und deswegen auch Wein.
Hat im Bonner Kid Verlag den Gedichtband “Seelenblicke Haiku-Momente” veröffentlicht.
Unterhält auf der der Website von VINAET den Blog “Richies Haikus”.
Am liebsten meditiert er beim Holzhacken, weil dabei höchste Konzentration erforderlich ist.
Ähnlich wie beim Weinverkosten. Sowie beim Haiku schreiben. Beil, Wein und Hamvas – Buch /Seht stilisiert und maneristisch
Richard Pestemer in schwarz und weiß: Autorenprofil auf Vinaet.
Ernst Dautel, Helmut Kratochvil, Anneliese Penn und Dieter Rasch
Blick ins Weinglas – Poesie und Prosa über den Wein
140 Seiten, Format: 24 x 17 cm, 12,00 €, Kid Verlag, ISBN 978-3-947759-70-5
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