Feuriger Sonnenuntergang bei Oestrich-Winkel am Rheingau.

Rheingau – das spirituelle Zentrum des deutschen Weinanbaus

Mit dem Rheingau befindet sich das spirituelle Zentrum des deutschen Weinanbaus rund um Wiesbaden an Main und Rhein. Neben der Mosel und dem Elsass ist der Rheingau das Rieslinganbaugebiet schlechthin. Doch auch die Spätburgunder wissen zu überzeugen.

Geografie

Der östliche Rheingau beginnt am Untermain, südöstlich von Wiesbaden rund am Flörsheim, Massenheim und Hochheim. Westlich von Wiesbaden bis nach Hattenheim erstreckt sich der zweite Teil des östlichen Rheingaus. Von Hattenheim bis Lorchhausen erstreckt sich der westliche Rheingau. Insgesamt werden rund 3200 Hektar mit Reben kultiviert. Davon sind 85,6 % der Anbaufläche mit Weißwein, hauptsächlich Riesling, und 14,4 % mit Rotwein, hauptsächlich Spätburgunder, bestockt. Der Großteil der Weinberge befindet sich auf Höhen von 70 bis 270 Metern über dem Meeresspiegel.

Klima

Der komplette Rheingau ist nach Süden ausgerichtet, sodass der Anteil an Toplagen sehr hoch ist. Am nördlichen Ende reicht das Weinbaugebiet bis an den Taunus. Dieses Mittelgebirge mit seinen Wäldern schützt den Rheingau vor Winden. Am südlichen Rand des gerade einmal vier Kilometer breiten Weinbaugebietes dient der Rhein ferner als Wärmespeicher. Der Taunus und der Rhein beeinflussen auf diese Weise die jeweils nahe gelegenen Lagen stärker.

Die Jahresdurchschnittstemperaturen liegen bei 10,6 °C und während der Wachstumssaison bei ca. 15 °C. Im Sommer werden in Flussnähe beinahe schon mediterrane Durchschnittstemperaturen von ca. 19 °C erreicht. Dadurch wachsen dort Bäume, wie z. B. Feigen, Eukalypten oder Palmen. Die vergleichsweise hohen Temperaturen werden allerdings durch recht niedrige Niederschläge von 550 bis 600 mm pro Jahr durchaus auch zur Herausforderung. Hingegen gibt es gerade im Lesemonat Oktober hohe Niederschläge,  sodass in diesem Monat die Gefahr von Pilzkrankheiten stark steigt.

Boden

Obwohl der Rheingau eines der kleineren Weinbaugebiete auf einem schmalen Streifen ist, bietet er neben vielen individuellen Mikroklimata auch verschiedene Böden. Man findet bei Rüdesheim und Lorchhausen vor allem Schiefer, Quarz, Kies und Sandstein. Am unteren Rheingau, also dem mittleren Teil, gibt es meist Schiefer, Quarz und Sandstein. Der östliche Teil, bekannt als oberer Rheingau rund um Hochheim und Flörsheim, besteht primär aus Mergel, Sand, Kies, Ton und Lehm.

In Ufernähe des Rheins befinden sich tiefe Böden, die häufig aus Mergel, Löss und Lehm bestehen. Neben den Weinbergen finden sich dort Orte, Burgen, Klöster und Schlösser. Aufgrund der Wärme des Flusses und der Böden entstehen hier Weine mit viel Körper und intensiven Fruchtaromen.

Weiter Richtung Taunus liegen die Weinberge höher und sind steiniger, und durch die höhere Lage am Rande des Taunus ist es dort kühler. Aus diesem Grund bringen Trauben aus diesen Lagen Weine mit guter Struktur sowie hoher Komplexität an Aromen und viel Finesse hervor.

Weinbaukarte des Rheingau

Karte der Weinberge im Rheingau
Von der gegenüberliegenden Seite des Rheins kann man feurige Sonnenuntergänge am Rheingau genießen.

St. Walburga Kirche in Oestrich-Winkel

Geschichte

Der Weinanbau am Rheingau soll in der Römerzeit zwischen dem ersten und dritten Jahrhundert nach Christus begonnen haben. Dies wird durch viele archäologische Funde belegt. Die erste schriftliche Erwähnung als Weinbauregion gab es im Jahr 779. Damals wurden die Weinberge des Ortes Walluf in einer Schenkungsurkunde erwähnt. Durch die „Veroneser Schenkung“ von Kaiser Otto II.  (955-983) im Jahr 983 übernahm die katholische Kirche unter dem Erzbischof Willigis von Mainz (940-1011) große Teile des Rheingaus. Die Kirche beeinflusste den Weinanbau von da an entscheidend mit. Die Benediktiner gründeten 1106 das berühmte Kloster Johannisberg. Die Zisterzienserabtei Eberbach entstand 30 Jahr später. Die Zisterzienser kamen aus dem Burgund und brachten von dort viel Fachwissen mit. Sie wollten das Potential des Rheingaus ausschöpfen und in den Wettbewerb mit Lagen wie dem Grand Cru (französische Bezeichnung für Weinlagen besonderer Qualität) Clos de Vougeot (Name eines Weinbergs in Burgund) treten. Von dort kam wahrscheinlich auch die Tradition Weinberge nach Weingütern zu benennen. Diese beiden Klöster gründeten neue Orte, strukturierten den Weinanbau im Rheingau und weiteten den Weinanbau sowie Weinhandel aus.

Sie waren auch für viele Innovationen im Rheingau-Weinanbau verantwortlich, wie z. B. das 70.000 Liter fassende Fass „magnum vas“. Aufgrund der im Vergleich geringeren Außenfläche war der Wein darin länger haltbar. Ferner leitete das Kloster Eberbach im 17. Jahrhundert den Most durch Rohre in Fässer. Hinzu kamen Fortschritte in der Keltertechnik.

Im 15. Jahrhundert soll es den ersten nachgewiesenen Riesling-Anbau gegeben haben. Im 18. Jahrhundert begann der großflächige Riesling-Anbau. Im Jahr 1712 wurde der Begriff „Kabinett“ für hochwertige Weine bekannt. 1720 wurde an den Hängen des Johannisbergs die erste Riesling-Monokultur gepflanzt. Bis dahin war es üblich, sogenannte „gemischte Sätze“ aus mehreren Rebsorten in einer Parzelle zu pflanzen. Der Rheingau war der Ausgang des heute internationalen Rieslinganbaus. Hier wurde der klassische Weinstil des deutschen Rieslings erschaffen, der heute Änderungen unterliegt.

Auf der gegenüberliegenden Seite des Rheins sieht man Oestrich-Winkel

Sonnenuntergang in Oestrich-Winkel am Rhein

1753 und 1760 soll das Kloster Eberbach erstmals aus „faulen“ sehr reifen Trauben Wein gekeltert haben. Ab dem Jahr 1775 begann dann die systematische Lese von edelfaulen Trauben. Damals durfte die Traubenlese am Johannisberg erst nach Erlaubnis des Abtes von Fulda beginnen. Der Bote, der diese Erlaubnis überbringen sollte, verspätete sich jedoch, und dadurch entstanden viele edelfaule Trauben mit Botrytis (Gattung der Schimmelpilze). Als diese Weine im darauffolgenden Jahr abgefüllt wurden, erkannten man das enorme Potential dieser ersten „Spätlese“. Danach wurden die Techniken zur späten Traubenlese Stück für Stück verfeinert.

Zur Steigerung der Qualität wurden Trauben nun so spät wie für eine hohe Qualität notwendig gelesen. Von da an begann der Rheingau, einen europaweiten Ruf für hochwertige Süßweine aufzubauen. Teilweise wurden die Trauben erst im November gelesen und an den besten Lagen selektiv ausgewählt. Diese wurden von Fürsten, Kaisern und Königen rund um die Welt getrunken. Weine aus den Weinanbaugebieten des Rheingaus, der Mosel und der Saar gehörten ab dem 19. Jahrhundert zu den besten Weißweinen der Welt.

Der Rheingau ist auch als Heimat der Schlossweingüter bekannt. Sie bildeten das deutsche Gegenstück zu den französischen Chateaus. Vom 18. bis zum 19. Jahrhundert stiegen viele Adlige in den Weinanbau ein und profitierten vom florierenden Rheingauer Weinhandel. Davon zeugen noch viele Schlösser und Burgen. In den 1980er Jahren erreichte der Rheingau allerdings einen qualitativen und wirtschaftlichen Tiefpunkt; dabei verschwanden auch einige der Schlossweingüter. Darauf regierten die Winzer im Rheingau 1984 mit einer Qualitätsoffensive, und diese orientierte sich an der Dahlen’schen Lagenkarte von 1885. In dieser wurden beispielsweise Steuerklassen entsprechend der Qualität der Weinberge verzeichnet. Damit begann ein neuer Aufschwung.

Schloss Johannisberg: Weinberg und Schloss bei feurigem Sonnenuntergang am Rhein

Fluss Rhein im Vordergrund, Ufer mit Bäumen und Ort Oestrich-Weinkel, Weinberg mit herbstlicher Färbung dahiner, Gebäude auf Weinberg, feurig roter Himmel am späten Abend